Sein Frauchen nannte ihn Tango und der Name paßte perfekt. Er lebte bei Eygalières in den Alpilles in einer Gemüsegärtnerei und war ein echter Provençale. Gleich bei unserer ersten Bekanntschaft schlossen wir Freundschaft und blieben Freunde von einem Jahr zum anderen bis zu seinem Ende. Er war sozusagen unser Ferienhund.

Wenn wir "daheim" waren, lebte er praktisch bei uns. Wir spielten mit ihm, steckten ihm Leckerlis zu und machten lange Spaziergänge mit ihm. In den letzten Jahren nahmen wir ihn auch auf diverse Ausflüge mit, denn er wollte einfach nicht daheim bleiben, wenn wir wegfuhren. Dafür kauften wir extra eine Leine in Österreich und er mochte die sehr. Er lernte sogar bis zu einem gewissen Grad, an der Leine zu gehen, allerdings wenn er aufgeregt war, spielte er Lokomotive und zog uns hinter sich her.

Tango war ein liebevoller und zärtlicher Hund, aber er hatte so seine Besonderheiten. Zum einen: der hielt sich für den größten und stärksten Hund der ganzen Gegend und war anderen Rüden gegenüber ein richtiger Rabauke. Als wir auf einem unserer Spaziergänge von einem der Ansässigen zu einer kleinen Plauderei in dessen Hof eingeladen wurden, ging Tango auf den vierpfotigen Hausherrn ohne jegliche Scham los. Wir hatten zu tun, ihn zurückzuhalten, denn er war total durchtrainiert und daher sehr muskulös. Zwei - freilaufende - Bullterrier in der Nachbarschaft waren zum Glück Mädels, damit hatte er kein Problem.

Auf unseren ersten Spaziergängen entdeckten wir, daß er nie gelernte hatte, spazieren zu gehen. Er rannte bloß wie ein Wilder los und schaute nicht rechts und nicht links. Hm, dachten wir, ist das wirklich ein Hund? Erst durch uns lernte er die Gegend mit seiner Nase zu erkunden, Spuren aufzunehmen und "Briefchen" zu lesen. Sein Jagdtrieb war gut entwickelt und eine Kaninchenspur verfolgte er mit Eifer. Einmal kreuzte ein Wildschwein unseren Weg und wir schafften es nur zu zweit, den wildgewordenen Hund zu bändigen. Zu guter Letzt schaute er uns an als wollte er sagen: "Ihr seid zwar recht nett, aber totale Idioten." Aber er ergab sich in sein Schicksal.

Tango wußte genau, wann es Zeit war für unser Abendessen. Erst setzte er sich vor den Kühlschrank, den er als Quelle aller kulinarischen Freuden kannte. Und wenn wir anfingen, den Tisch zu decken, sprang er auf die Bank, setzte sich und schaute erwartungsvoll drein. Es fehlte nur noch das Lätzchen ...

Ich gewöhnte mir sehr schnell ab, die Liegen in unserem Hof zu benützen. Tango war nämlich total begeistert, wenn ich mich hinlegte, rannte an und sprang mit Schwung auf meinen Bauch. Das fühlte sich an, als würde ich angenagelt - uff!

Tango war der Wachhund der Gärtnerei. Abends war er auf seinem Posten; er umkreiste die Gärtnerei und jagte gnadenlos die Füchse, die sich in sein Revier wagten. Manchmal rannte er an uns vorbei und war uns einen richtigen Managerblick zu: ich würde euch ja gern meine Zeit widmen, aber ich bin viel zu beschäftigt!

Emma, die Katze, die auch auf dem Hof lebte, ignorierte er gekonnt und mit großer Überheblichkeit. Sie war Monique zugelaufen, wie auch Tango, und Monique konnte zu einem heimatlosen Tier niemals "nein" sagen. Also blieb Emma, sehr zu Tangos Leidwesen. Schließlich durfte er ihr nichts tun. Lag sie ihm im Weg, trampelte er gnadenlos und mit totaler Verachtung über sie drüber.

Die letzten zwei Jahre wollte er sich nicht mehr von uns trennen. Wir fuhren am Nachmittag weg, um uns irgendetwas anzusehen und Tango rannte hinter unserem Auto her auf die stark frequentierte Straße und ich hatte Angst, daß er überfahren würde. Also blieben wir stehen und ließen ihn ins Auto. So mußten wir ihn nachmittags ab da immer mitnehmen, er liebte diese Ausflüge. Wir holten nur die Erlaubnis seines Frauchens ein und so begleitete er uns sehr oft. Inzwischen hatte er eine Gefährtin bekommen: Tina, die Bordercolliehündin, ebenfalls zugelaufen. Mit ihr verband ihn eine Art Haßliebe, denn er war ziemlich eifersüchtig, wenn sie zu uns kam. Manchmal war es ganz schön anstrengend, den Beiden nicht das Gefühl zu geben, daß eines benachteiligt wurde.

Das Ende unseres Urlaubs war immer ein Drama. Er wußte genau, was passierte ... also verkroch er sich die ganze Zeit des Packens und kam erst heraus, wenn wir starteten - mit hängendem Schwanz und dem traurigsten Blick der Welt. Und er freute sich maßlos, wenn wir zurückkamen. Das letzte Mal schlief er die ganze erste Nacht am Fuß der Treppe zum Schlafzimmer und wollte nicht hinaus wie üblich, nur um sicherzugehen, daß wir nicht wieder wegfuhren. Dieser Urlaub war der letzte mit ihm. Wenige Monate nach unserer Heimkehr erreichte uns die Nachricht, daß Tango verstorben war.

Wir waren sehr traurig, denn wir liebten Tango als wäre er unser Hund. Er war so besonders, so liebenswert und liebevoll, ein Hund mit Charakter und einem großen Herzen. Tango, du lebst in unserem Herzen weiter!